Usedom – ein verlängertes Wochenende im goldenen Herbst

Für einen viertägigen Ausflug bricht die nordicfamily mal wieder in den Norden auf. Wir reisen auf eine uns bisher nicht sehr gut bekannte Insel. Aus Krankheitsgründen wird der Papa gegen eine gute Freundin und Patin des Jüngsten ausgetauscht und ab geht die Chose, 4 Stunden Autofahrt nach Norden.

Der Stolper Hof
Ziel ist der Stolper Hof etwas außerhalb von Stolpe auf der Insel Usedom. Für diese Region ist jetzt wirklich am ersten Novemberwochenende die Saison vorbei und wir sind mit einem anderen Pärchen die letzten Gäste auf dem Hof. Ich liebe es off season unterwegs zu sein. Man bekommt die fast ungeteilte Aufmerksamkeit der Gastgeber. Man muss bei irgendwelchen Attraktionen nicht Schlange stehen und muss auch nicht dauernd nach schattigen Plätzchen Ausschau halten, weil man es sonst vor Hitze nicht aushält.

Sobald wir die Autobahn verlassen, fahren wir durch Alleen mit noch teilweise buntbeblätterten Bäumen, die Sonnenbrille läßt alles in einem noch wärmeren Licht erscheinen.
Der letzte Kilometer ist eine Sandpiste und von Ferne erkennt man schon ein Gehöft aus Fachwerkhäusern.
Im großen Speisesaal wird gefeiert. Die Chefin ist Oma geworden. Trotzdem werden wir herzlich begrüßt und die Damen des Hauses zeigen uns die Kammer und führen uns in die Gepflogenheiten ein. Wir tauchen in eine frühere Welt ein und sind fast versucht auch nur noch in der dritten Person Plural zu reden.
An einer Ahnentafel finden wir alle weiteren Bewohner des Hauses und des Hofes. Da sind die Schweine, der Hund Luka, die Pferde, Katzen, Schafe und die gefleckten Katzen.  Merles Leseeifer wird geweckt und konzentriert studiert sie die Namen unter den Tierbildern.
Zum Abendessen empfängt uns ein tolles Menü von Keramikgeschirr am schlichten großen Holztisch. Die meisten Zutaten der Mahlzeiten stammen hier vom Hof oder von anderen Biobauern. Fleisch und Fisch stammt von glücklichen Tieren, das Haus ist für Allergiker geeignet und die Matratzen aus nicht süchtigmachendem Hanf. Von der Ökobauernszene in Vorpommern war Berit Poppe etwas enttäuscht, so dass sie lieber selbst für die wichtigsten Sachen sorgt, so fällt uns sofort der selbstgemachte Kräuterquark zum Frühstück auf wie auch der tolle Quittensaft, die Äpfel sehen noch richtig aus wie Äpfel und sind tatsächlich alte Sorten, die noch alles enthalten, was einen Apfel ausmacht.
Der wichtigste Grundsatz für die Lebensmittel ist, dass sie aus der Region stammen, meistens sogar aus dem eigenen Garten, den einst ein Gartenbauingenieur voller Hingabe bis ins Detail geplant hat, als Berit Poppe den Stolper Hof zu neuem Leben erweckte.
Auf Usedom gibt es kein Schweinefleisch von glücklichen Tieren, deshalb wohnen hier auch immer ein paar Schweine, die wir sehr lieb gewonnen haben. Arabella frisst uns die handverlesenen Eicheln aus der Hand. Die Kinder lernen, dass die Eicheln für die Schweine so lecker sind wie für uns Schokolade….Apropos….

Halloween muss ja auch noch bedacht werden. Schminken, verkleiden, Laterne schnappen und ab ins Dorf die die Halloween Touristen sehr freundlich begrüßen und tatsächlich etwas Süsses bereithalten. Den Weg finden wir nicht etwa mit einer Taschenlamp,e sondern mit einer Petroleumlaterne. Das erinnert uns daran, dass wir im letzten Jahr ohne Portugiesisch Kenntnisse auf den Azoren verkleidet durch ein Dorf zogen.

Abends kuscheln wir uns in unsere Alkovenbetten. So ähnlich wie in Schiffskojen kann man selbst in einem Familienzimmer für bis zu sechs Personen seinen Rückzugsort genießen. Vor 13 Jahren ökologisch saniert, ergibt die Raumatmosphäre eine vollkommene Oase der Ruhe und Erholung. Und es ist einfach mal still stiller am stillsten, nicht mal das Handy brummt – weil es keinen Empfang gibt, dazu müsste man draußen aufs Klettergerüst, wozu ich aber zu faul bin. Der Papa wird sich schon denken, dass es uns gut geht.

Berit Poppe „läßt auf ihre Weiber nichts kommen…:“ die zuverlässigen und freundlichen Damen des Hauses servieren uns am nächsten Morgen ein leckeres Frühstück und wir sind dann gestärkt für einen Tag auf der Insel.

Es geht zum Kletterwald nach Neu Pudagla.
der Himmel ist verhangen und es riecht nach nassem Laub. Kein Schlange stehen keine überfüllten Kletterparcours, stattdessen freundliche Menschen in roten Jacken die uns in die Ausrüstung und Handhabung wie Sicherheit beim Klettern einweisen. Nach einem Probe Parcour geht es in die Vollen:“Spiel“, „Spass“ und „Fitness“ wollen bewältigt werden. Für alle weiteren muss man älter und etwas größer sein, als Merle es ist. Konzentration ist gefragt und auch Mut sind gefragt, um sich in den luftigen Höhen zwischen 1 und 5 Metern zu bewegen. Wenn man beides gefunden hat, kann man besonders in den Seilbahn Abschnitten auch jede Menge Spaß haben.
Als Anfängerinnen auf dem Gebiet hätten wir uns an einigen Stellen noch mehr Unterstützung von den Fachleuten in den roten Jacken gewünscht, ansonsten war das mal wieder ein neues und grossartiges Abenteuer für Körper und Geist.
Ein paar Tränen weinen wir einer guten Regenjacke nach, die wir am Haken vergaßen. Und als wir sie eine Stunde später holen wollten, war sie leider gestohlen – so ein Mist! Also gut auf die Sachen aufpassen am Kletterpark! Falls jemand eine schwarze Marmot Regenjacke aus Versehen mit genommen hat, bitte gerne wieder zu uns nach Potsdam schicken.

Stattdessen atmeten wir noch ein bisschen Meer Luft am Strand bei Heringsdorf und ließen den feinen Sand durch unsere Finger rinnen, hopsten auf den Buhnen und genossen den letzten Sonnenstrahl des Tages.

Im Stolperhof gab’s ein üppiges Fischgratin und die Erwachsenen schliefen fast mit den Kindern mit ein. Dabei hatten wir uns doch vorgenommen,  das eine oder andere Gläschen Wein miteinander zu trinken.

Mehr Tiere gab es dann am Samstag im Wild Life Usedom. So ganz genau wussten wir nicht , was uns erwartet, doch wir dachten, dass diese Indoorvariante perfekt für schlechtes Wetter wäre. Ein grosses Zelt und viele Tiergeräusche empfingen uns. Kaum waren wir durch den Eingang geschlüpft, begann unsere Reise durch das wilde Leben aller Kontinente. Wir stellten uns neben lebensgroße präparierte Eisbären und entdeckten wir speziell das Fell von Zebras ist und im Gegensatz zu einem Zoo konnte man sogar ganz dicht an eine echte Giraffe heran und das Fell streicheln. Sehr ungewöhnlich und besonders für die Kinder beeindruckend diese Tiere / Präparate mal aus solcher Nähe wahrzunehmen. Man kann sagen, dass dem Besitzer Dirk Janisch es gelungen ist,  eine einzigartige Kombination aus Tierpräparate und lebenden Tieren und Streichelzoo zu schaffen und damit eine kleine Erlebniswelt für Urlauber aufzumachen.  Während die Kinder sich noch am Indoor Spielplatz vergnügen, an einer Softwand hochklettern und mit Softbällen schießen, genießen die großen Kaffee und Kuchen und das ist wirklich mal ein Geheimtipp- auch wenn man nicht die Ausstellung besuchen will, sollte man sich ein Stück Baiser Schmandkuchen vom Chef selbst gebacken, nicht entgehen lassen. Wir philosophieren weiter, dass die Ausstellung prinzipiell ja ganz schön gemacht ist, aber die Grosswildjägerei ja auch kritisch betrachtet werden darf, deshalb finden wir ein Computerspiel mit Laserwaffen hier total überflüssig. Selbst unsere „Grosse“ bringt andere Erwachsene am Schießstand zum Nachdenken, als sie sagt, dass sie nicht auf die Frischlinge und deren Eltern im Computerspiel schießen würde….

Gleich um die Ecke befinden sich noch mehr Vergnügungsmöglichkeiten, die aber zum Teil geschlossen sind, die Schmetterlingsfarm scheint ganz reizvoll, finden wir aber mit 28,00 Euro für die ganze Familie gerade zu teuer.

Kunst auf Usedom
Stattdessen beschließen wir , uns ein bisschen treiben zu lassen. Auf Schildern haben wir immer wieder von Ateliers, Töpfereien und einem Kunsthaus gelesen.Zunächst kehren wir in das Gedenkatelier von Otto Niemeyer-Holstein ein, was für uns Erwachsenen sehr interessant erscheint. In der Ausstellung mit einer filmischen Dokumentation ist man nicht so auf Kinder eingestellt und deshalb wollen wir auch schnell wieder weg, bis überraschenderweise eine nette Mitarbeiterin uns in die ehemalige Wohnung des Künstlers schauen lässt – es ist ein alter Eisenbahnwaggon – große Augen, vor Staunen offene Münder.

Weiter geht’s wieder Richtung Stolpe. Die Schilderkombi „Kunsthaus“ und darunter „Wertstoffhof“ finde ich persönlich sehr reizvoll zum Fotografieren, es ist aber leider zu dunkel….(Ist das Kunst – oder kann das weg?)  jedoch schauen wir neugierig in das grosse rote „Kunsthaus“, weil draussen dran steht: 365 Tage im Jahr 24 Stunden geöffnet – grossartiges und einzigartiges Konzept einer tollen Unternehmerin aus Berlin. http://www.kunsthaus-usedom.de/

Schon im Eingangsbereich zeigen sich die verschiedensten Kunstwerke und Kunsthandwerksprodukte, weiter hinten eröffnet sich ein grosser Gastronomiebereich in dem Karola Glaser von Kleinkunst, Pianobruch über Workshops auch Mitternachtsessen anbietet. Mittlerweile kennen Insider diesen ausgefallenen Ort und wissen, dass sie nach Neppermin auf Usedom müssen,  wenn ihnen nachts der Magen knurrt oder sie noch etwas Kultur brauchen. Da es schon Dunkel ist, bleiben uns nur die Erzählungen von dem vielfältigen Aussenbereich.

Exotische Tiere auf Usedom
Gothen ist wohl der kleinste Ort auf ganz Usedom, gerade mal auf Google maps findet man den Gothener See. Hier angekommen, lassen wir unsere Blicke schweifen. Ein Weidezaun, Strohballen… dahinter ein paar lange Hälse, kleine Köpfe, Eselsohren… nasses zotteliges Fell – mein innerer Radar sagt… paßt nicht in die norddeutsche Landschaft – wir sind also richtig. Angekommen an der Lama Trekking Station.
Zwei weitere Eltern Kind Paar warten auf den fachkundigen Llamero. Er kommt schon aus dem Gehege und scheint die Gelassenheit, die einen erst beim Wandern überkommt, zu verkörpern. Er ist sich sicher dass gleich der Regen aufhört und so ist es dann auch.
Jeder Erwachsene und jedes größere Kind darf mit einem Lama die Wanderung antreten. Es wird gleich Entwarnung gegeben – entgegen aller Annahmen spucken die Tiere nur, wenn sie um eine höhere Rangordnung in der Herde buhlen. Das Fell ist etwas lang und zottelig und vom Regen platschnass. Jedes Tier hat ein Halfter und wird an einem Strick geführt, dazu gibt es vom LIamero genaue Anweisungen. Schon nach wenigen Minuten bin ich überzeugt davon, dass man nicht viel falsch machen kann und besonders die Intuition der Kinder zu einem schnellen harmonischen Wanderverhältnis beiträgt.
Es ist immer und immer wieder erstaunlich wie anders die Kinder mit Tieren sind, wie in einer anderen Welt, wo die essentiellen Dinge: wie Nahrung und das Miteinander und nichts anderes existieren.
Das führt dazu, dass wir wie in einem anderen Universum mit den Tieren im einheimischen Nadel- und Mischwald unterwegs sind und nicht merken, dass ganz bald zwei Stunden vorüber sind. Mit ungefähr einer Lamalänge Abstand wird im ‚Gänsemarsch‘ gewandert, mal angehalten, damit die Tiere frisches Grün fressen könne und dann aber auch wieder bergab gerannt, und getobt, als müssten sich alle Beteiligten mal so richtig durchbewegen.
Es ist eine besondere Dynamik und eine besondere Stimmung und ich bin mir sicher, wenn man einem Lama zu lange in die dunklen braunen Augen schaut… ist es um einen geschehen, man kann sich sehr schnell verlieben.
Trotz des skurrilen und verzerrten Bildes von den stolzen Tieren aus Südamerika in unserer Landschaft sind wir für diesen Sonntagvormittag verzaubert.
Am Gehege angekommen fressen die Tiere mit Genuss ein paar trockene Brötchen und zum Vorschein kommen noch zwei allerliebste Alpakas, die aussehen wie aus einem Kuscheltier Laden. Nicht nur die Kinder sind hin und weg. Allerdings sind die Alpakas etwas ängstlich und lassen die Besucher nicht gleich Tuchfühlung aufnehmen.

Die Erfahrung vor ein paar Wochen mit unseren Eseln in der Uckermark hat sicherlich geholfen und war auch schon eine gute Erfahrung, mit einem Tier zu wandern – aber so richtig vergleichbar ist dies nicht.
Auch für die Kinder muss es anders sein, denn die Lamas sind ja wesentlich größer als die Kinder selbst. Wie Merle den Unterschied zum Eselwandern beschreibt, kann man in dem Video erfahren.

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Ein paar interessante Fakten: Vor ca. 6000 bis 7000 Jahren begannen die Inkas das Vikunja und Guanako zu domestizieren. Aus einer selektiven Zucht entstanden dann die Lamas und Alpakas. Die Inkas brauchten Tragtiere für die alltäglichen Arbeiten schwer zugänglichen Gegenden. Ein Lama-Hengst kann bis zu 30 Kilogramm tragen und dabei bis zu 50 Kilometer pro Tag zurücklegen. Außerdem ist er ein guter Wolle-Lieferant. Das Alpaka ist zierlicher als das Lama. Seine Wolle ist jedoch wesentlicher feiner und sehr begehrt. Damit zählen sie zu den ältesten Nutztieren der Menschheit.
Für uns waren sie auf der Wanderung keine Lastenträger , sondern nur liebe Begleiter.
Lamas sind Schwielensohler. Im Vergleich zu Kühen, Pferden oder Schafen beschädigen sie nicht den Boden auf dem sie sich bewegen. Da sie zusätzlich bei der Nahrungsaufnahme nicht rupfen, sondern die Spitzen gezielt abgrasen, sind sie ausgezeichnete Landschafts- oder Deichpfleger. Die Grasnarbe wird nicht verletzt und empfindliche Dämme nicht beschädigt. Sie betreiben keine gegenseitige Fellpflege, wälzen und scheuern sich aber sehr gern. Sie legen sich getrennte Kot-, Liege- und Wälzplätze an.
Was wir auch erstaunlich fanden, denn wenn einer pinkeln musste, haben sich die anderen dazugestellt und alles abgelassen – sozusagen zentral.

Wenn man auf Usedom Lama Trekking machen möchte, kontaktiert man am besten Christine Harloff: Tel. 0171/3131750

Wir sind wieder einmal verblüfft, wie vielfältig der nicht allzu ferne Norden ist und wie schön der Herbst trotz Nebel und Nieselregen ist. An den meisten Stellen auf der Insel konnten wir feststellen daß das Preisniveau ganz Familienfreundlich ist und man auf Familien eingestellt ist. Besonders gefallen haben uns regionale Spezialitäten, der Fisch und der Sinn für nachhaltigen Tourismus.

Die Unternehmung fand mit freundlicher Unterstützung von Usedom Tourismus GmbH und dem Stolper Hof statt.

 

Geertje

Geertje schreibt und fotografiert auf Reisen gerne, um diese intensiven Momente des Lebens festzuhalten. Sie möchte diese wunderbare Welt auch ihren Kindern zeigen und reist deshalb am liebsten als Familie in den Norden. Schön ist es, wenn Bilder und Texte auch andere Familien zum Reisen inspirieren.

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