Nellim ganz im Osten Finnlands

22.7.2015 Nellim, 10 Km vor der russischen Grenze

Aufwachen am Inari See

Es ist der Morgen gekommen, wo auch die Mama mal ein bisschen Zeit und frische Luft für sich braucht. Ich schleiche mich halb neun aus der verdunkelten Campinghütte ins gleißende Sonnenlicht am Ufer des Inarisees. Dort hocke ich mich bei 14 Grad auf einen Baumstamm und lese endlich nach fast einer Woche das erste Kapitel meines mitgebrachten Buches #10Tage. Bei einem kleinen Lüftchen und den kühlen Sommertemperaturen fühlt es sich etwas an wie am Meer.
Der Arbeitseifer treibt mich dann jedoch in die Cafeteria / Rezeption des Holiday Village, wo es Internet gibt und ich gestern jäh meine Arbeit beenden musste. Bei einem echten Kaffee stelle ich noch die letzten Artikel online und schaue in meiner Facebooktimeline, was die anderen Sommerurlauber so machen. Außerdem hangel ich mich gerade so von Tag zu Tag auf unserer durchgeplanten Reise und weiß kaum, was morgen ansteht, ohne nicht auf den Plan zu schauen und mich neu zu orientieren. Die Kinder kommen in das Holzblockhaus gestürmt und holen mich gegen zehn zum Frühstück ab. Die haben tatsächlich solange geschlafen. Campinglike gibt es Cereals aus Plasteschalen mit Plastikbesteck, Müsli, Obst und Tee. Was man nicht alles unter einfachen Umständen zaubern kann.

Bäume mit Bärten kurz vor Ivalo

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Wir brechen gen Ivalo auf. Es ist nicht weit, deshalb lassen wir uns gerne von Attraktionen am Wegesrand gefangen nehmen. Eine Bärenhöhle lockt. Jan läßt sich trotz der gestrigen Treppenerfahrung wieder zum Treppensteigen motivieren, denn wir müssen wieder über 200 Stufen bis zur lengendären Höhle überwinden. Munter springen die Kids von Absatz zu Absatz. Schilder am Zaun zeigen Informationen über die verschiedenen Beerenarten – hier gibt es keine giftigen Beeren im Wald, welch ein Paradies. Außerdem gibt es Bäume mit Bartzotteln, das sind Bartflechten. Man sagt, dass sie ihre Nahrung direkt aus der Luft beziehen. Dort wo sie besonders gut ist, gibt es besonders viele Bartflechten. Dann muss die Luft hier wohl besonders gut sein.

20150722-DSC_5072Bärenhöhle mit Gästebuch

Schließlich stehen wir vor einem riesigen Findling, ein Holzschild weist auf eine schmale Öffnung, Merles Füße sehe ich rausgucken. Morten kriecht hinterher und zerrt ein Gästebuch heraus. Dann wage ich es auch, mich auf allen Vieren durch die Öffnung zu zwängen. Es eröffnet sich eine tatsächlich eine gemütliche organisch geformte Höhle. Spontan sage ich, hier würde ich auch gern mal übernachten. Aber wir kriechen alle wieder hinaus und stiefeln und noch ein paar Höhenmeter weiter zu einem Aussichtspunkt. Es breiten sich weite Hügel und Wälder aus. Ein Ausläufer des Inari Sees ist auch zu sehen. Die Große ist inspiriert und bietet mir Yoga Posen in der urigen Natur zum Fotografieren, sie verwandelt sich in eine Yogaelfe und schwebt regelrecht beflügelt voran. Wieder unten angekommen, bestaunen wir einen Bären, der ausgestopft da steht und singt. Weiterhin gibt es eine mit Souvenirs vollgestopfte Blockhütte. Wir gönnen Morten noch ein halbes Stündchen einen tollen Sandspieplatz mit allerlei Baufahrzeugen und einer Rutsche.
Dann fragen wir nach einem BBQ Plätzchen in der Nähe am See und bekommen tatsächlich den ultimativen Insider-Einheimischen Tip am Rahajärvi. Kein Schild weist daraufhin, trotzdem finden wir es. Ein großer Platz, Sandstrand, Grillhütte, ein paar Boote und Angler. Das Feuer an der Grillstelle ist schon im Gange. Vater und Sohn, die leider kein Englisch sprechen, haben dort schon gegessen. Ganz schade, dass unser Finnisch so gar nicht für irgendetwas ausreicht. Wir grillen Wurst und genießen das leise Plätschern des klaren Wassers an den Sandstrand. Eine weitere Großfamilie taucht auf und möchte auch Grillen, gerne geben wir den Platz frei und verziehen uns mit zwei Isomatten in die nächste Bucht. Es gibt kein Halten mehr, ich muss einfach in das kühle klare Wasser springen. Morten kommt mit. Es ist aber wärmer als gedacht. Vielleicht so 14-15 Grad Celsius.

In der Wildnis 10 Kilometer vor Russland

Als wir kurz nochmal die Email checken, in der steht, wo es jetzt eigentlich zum Übernachten hingehen soll, werden wir nervös. Ein Wildniscamp ganz in der Nähe der russischen Grenze, quasi auf dem Weg nach Murmansk. Da wollen wir doch mal sehen, was es da gibt und brechen dorthin auf. Die Straße verwandelt sich bald in eine Schotterpiste. Einige Auto fahren vor uns, wo die wohl hin wollen? Jan meint plötzlich, dass der Wagen nach rechts zieht, er hat Angst, dass wir einen Platten haben, wir sollten doch mal schauen. Die Antwort ist eindeutig. Ja. Kein Zweifel, platt wie Pfannkuchen. Wir halten erst einmal das nächste Auto aus der Gegenrichtung an. Ein Pärchen, das auch kein Englisch spricht, aber sehr hilfsbereit ist. Gemeinsam finden wir heraus, dass wir einen kleinen Kompressor mit Liima / Glue zum Einsatz bringen. Der ist dort versteckt, wo sonst ein Ersatzrad wäre. Das habe ich kurz beim Durchblättern der „Autoanleitung“ schon mal gesehen. Wir räumen also ca 2 Kubikmeter Gepäck aus dem Kofferraum, Beutel, Taschen, Rucksäcke, Isomatten Schlafsäcke, Lebensmittel, was für ein Chaosberg. Aber das Gerät ist beeindruckend. Einmal an den Zigarettenanzünder angeschlossen, ist es tatsächlich ein kleiner Kompressor, der aus einem Behälter Kleber in das Rad befördert. Irgendwann ist ein ausreichender Druck aufgebaut.

Zufällig hält eine Taxifahrerin und gibt uns ihre Nummer, sie hofft sehr auf einen Job, falls wir eine Fahrt von Nellim nach Ivalo benötigten, würde sie das gerne machen. 40 Kilometer für 140 Euro wären das dann. Schluck. Hoffentlich finden wir eine andere Lösung. Aber gut, die Nummer zu haben. Wir räumen ein, bedanken uns brav bei unseren Helfern und fahren vorsichtig die restlichen vier Kilometer nach Nellim. Ich erinnere mich gerade an eine ähnliche Situation in der Wildnis, der VW Bus lag im Graben mitten in Lettland.

Wildes Herumtelefonieren im Wilderness Camp in Nellim

Wir bekommen die Schlüssel für ein riesiges Vier Zimmer Apartment mit Wohnküche und luxuriöser Ausstattung. Um das Gebäude herum ist Baustelle, viele neue Blockhäuser werden gerade errichtet. Was für eine Vorstellung hier im tiefsten Winter zu sein, Feuerstelle am See, Saunahäuschen und Aurora Bubbles, Bungalows mit Glaskuppeldach. Ein großer Fernseher sorgt aber erst mal dafür, dass wir in Ruhe über die Sachlage am Ende der Welt nachdenken und entsprechend herumtelefonieren können. Die Straße ist wirklich schlecht, sagt auch der Mitarbeiter des Hotels, vielleicht die schlechteste Finnlands. Jan mutmaßt, ob der Einmarsch russischer Panzer auf so einer Straße erschwert wird. Wir müssen Rückrufe abwarten, um die Autoreperatur zu klären. Währendessen bleibt Zeit fürs Abendbrot – es bleibt Campinglike – Reis mit Soße und Gemüse. Dann ein kleiner Spaziergang zum Hafen und Wasserfall von Nellim. Sehr beschaulich, kaum Menschen auf der Straße. Holzhäuser, Birken, Kiefern, Blaubeerbüsche.

Und doch noch heimlich eine Wanderung von Nellim aus

Jan will wieder zurück wegen der möglichen Anrufe. Ich schlendere mit den Kindern einen Waldweg entlang, bis eine vorbeikommende Wanderin kurz eine Skizze mit den möglichen Wanderwegen zeigt. Es gibt eine Kirche, nicht allzu weit, schaffbar, meine ich. So laufe ich mit den Kids zwei Kilometer zu einer prächtigen Blockhaus Kirche. Sie ist Russisch Orthodox wie ich draußen lese. Ein Friedhof ist nebenan. Ich komme in Erklärungsnot. Fragen eines Dreijährigen, warum hier Menschen begraben sind und Russisch Orthodox wollte ich eigentlich schon gerne der Achtjährigen erklären können – Fehlanzeige. Entlang der Straße marschieren wir Quatsch machend wieder zurück zum Wildernes Camp, was übrigens mehr ein Hotel als ein Camp ist.

Wir müssen nun wirklich auf morgen warten, was die Lösung unseres Reifenproblems anbelangt, ich hoffe, dass wir nicht 140 Kilometer oder so hin und her kutschieren müssen, sondern in dem nächsten Ort Ivalo eine Möglichkeit finden. Und vor allem hoffe ich, dass alles unkompliziert und ohne finanzielle Vorauslagen funktioniert. Denn für unter anderem solche Fälle schließen wir immer die bestmöglichen Versicherungen bei der Automiete ab. Nach der vier Kilometerwanderung sind die Kids zwar müde, haben sich aber irgendwie aufs Film gucken eingeschossen. Sie kringeln sich vor Lachen und schauen noch irgendwas Lustiges. Ich gehe in die Sauna und dann ist aber wirklich mal Heia Zeit.

Ich stelle mit vor, wie wundervoll diese Gegend im Winter mit Polarlichtern sein muss. Weiterhin sind wir in meiner Fantasie in einem dieser Wilderness Blockhäuser vor dem Kamin.

Danke für die  Hilfe hier im Wilderness Hotel bezüglich unseres Platten.

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Papa

Jan Marquardt ist als Papa von Merle und Morten gut ausgelastet. Hat aber doch noch Zeit sich als Videograf, Blogger und Journalist mit all den spannenden Themen zu beschäftigen, die ihn an neue virtuelle und reale Orte führen. Das ein oder andere Foto hat er auch schon zum Blog beigesteuert. Und viele Texte von unterwegs versehentlich als Geertje Jacob eingeloggt veröffentlicht, daher steht in den Texten meist noch ein extra Hinweis auf seine Autorenschaft. Falls nötig :)

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