Strohskulpturen in Valloire

Es ist Anfang Juli und die Mama der nordicfamily ist dieses Mal alleine unterwegs und zwar im Süden.
Schon im Frühling wurde ich zusammen mit meiner schwedischen Freundin Tjåsa zum International strawsculpting competition in Valloire eingeladen. Dieser Wettbewerb findet in diesem Jahr zum siebten Mal statt während die winterlichen Wettbewerbe im Ice und snowcarving eine noch viel längere Tradition haben.

Am Montag breche ich vom Berliner Flughafen Schönefeld auf. Es ist immer etwas besonderes, denn das Abenteuer bzw. die besondere Qualität ohne Familie unterwegs zu sein, beginnt schon in der S-Bahn. Ich habe Zeit meinen Entwurf durchzugehen, Gedanken zu notieren und sogar etwas zu lesen oder hinaus zu schauen. Es ist noch früh am Morgen und in den Bahnen in Berlin sind Menschen, die zur Arbeit fahren. Die Kids sind auf dem Weg zur Schule.

 

Der Entwurf für Strohskulpturen in Valloire

Schon einige Wochen vorher habe ich mich mit Menschen zu meinem Entwurf unterhalten. Etwas Abstraktes zu gestalten, fällt mir leichter als eine Figur zu formen. Meine schwedische Kollegin ist besser darin, etwas Figuratives zu erschaffen. Aber die Veranstalter hatten sich etwas abstraktes aus unseren Entwürfen ausgewählt.

Modellbau, technische Zeichnungen und Herumprobieren…. Ich habe ein paar Tage vor meiner Abreise nach Valloire in Frankreich im benachbarten Projekthaus das Schweißen mit Elektroden geübt. Ich glaube, ich habe ein neues Hobby.  Es macht echt Spaß mit der richtigen Ausrüstung Metalle zusammen zu schweißen.

Trotzdem bin ich, jetzt, wo es drauf ankommt, ziemlich aufgeregt.

Meine schwedische Freundin treffe ich am Flughafen in Lyon, denn wir kommen etwa gleichzeitig in der Mittagszeit an. Die Zugfahrkarten sind in meiner Tasche, denn jetzt müssen wir zunächst mit dem Rhone Express zum Lyoner Hauptbahnhof Part Dieu und dann weiter mit regionalen Zügen in den kleinen Ort St. Michel Valloire.
In Frankreich wir im Sommer 2018 im Zugverkehr gestreikt, so sind nicht alle Züge pünktlich und für die letzte Etappe nehmen wir einen Bus. Dieser quält sich einige Serpentinen hoch. Dabei bricht ein Unwetter ohne gleichen los. Erbsengroße Hagelkörner prasseln auf das Busdach. Wir wollen nicht dran denken, dass wir gleich aussteigen müssen.

Andere Künstlerteams aus Lettland und der Türkei sitzen mit uns im Bus und reisen auch heute bei Dunkelheit und Unwetter an. Von St. Michel Valloire nehmen wir uns ein Tax in das den höher gelegenen Ort Les Verney, wo wir eine Woche arbeiten werden.

Nach dem wir in Lyon in einem Cafe das letzte mal etwas gegessen hatten, ist es jetzt nach über 6 Stunden Weiterreise eine Wohltat ,in Chalets du havre vom künstlerischen Leiter Christian Burger empfangen zu werden. Essen wartet auf uns und eine Handvoll anderer Künstler begrüßt uns mit großem Hallo. Man kennt sich aus den vergangenen Jahren.

 

Am Mittwoch beginnt die Arbeit an den Strohskulpturen. Kleines französisches Frühstück mit Weißbrot und Kaffee gibt eine Grundlage, um sich erst einmal einzu tunen.

Strohskulpturen in Valloire auf einem Parkplatz

Der Arbeitsort ist ein weiter Parkplatz ohne Schatten an der Straße zum Col du Galibier.
Alle Materialien, die wir benötigen liegen hier für uns bereit.
Vor zwei Jahren, als ich das erste Mal mit Tjåsa zusammenarbeitete, hatten wir keinen Plan, wie man eine Strohskulptur herstelllt. Jetzt können wir ganz gezielt unser Holzskelett zusammenschreiben, Dreiecke schweißen und die Grundlage für die weitere Arbeit mit Stroh und Heu schaffen.

Ein Platz für unsere Skulptur ist uns zugewiesen. Wir tragen Arbeitsklamotten und natürlich Strohhüte, um uns hauptsächlich vor der Sonne zu schützen.

Die gute Planung macht es möglich, dass wir zügig die Maße anzeichnen, mit einer batteriebetriebenen Kettensäge das Holz zuschneiden und schließlich das Gerüst verschrauben. Ich beginne die Dreiecke zu schweißen, die unsere Konstruktion stabilisieren.

Das führt nach dem Abendbrot zu einer witzigen Situation:
Boris, der Partner der italienischen Künstlerin Angela, die auch ihre drei Kinder dabei haben kommt zu mir und schüttelt mir die Hand: Gratulation und Hochachtung, ich habe noch nie eine Frau an einem Schweißgerät gesehen. Ich bin perplex, aber freue mich auch irgendwie.

Das Essen in Savoie – in den Rhone Alpen in Frankreich

Während des Wettbewerbs werden wir hervorragend mit lokalen Spezialitäten versorgt. Wer bei der Erwähnung des Frühstücks wohlmöglich dachte, dass dies wohl etwas mager ist, wird jetzt verblüffter sein. Schon zum Mittag wird ein Drei Gänge Menü aufgetischt. Die Vorspeise sind manchmal Salat oder andere kleine Leckereieen. Der Hauptgang hat meist große Mengen gutes Fleisch oder Fisch zum Inhalt. Dann folgt die Käseplatte. Für die lasse ich immer noch extra Platz, denn so viel guter Käse kommt zu Hause selten auf den Tisch. Dann folgt meist noch ein Dessert und Kaffee. Schon Mittags wird Rotwein geschlürft.

Ja ein bisschen Inspiration kommt nicht nur von den mächtigen Bergen um uns herum. Außerdem gibt es viel zu erzählen, manchmal mit Händen und Füßen in Englisch. Leider kann ich immer noch kein Französisch und viele der Osteuropäer sprechen auch Russisch untereinander, wo ich immer nur ein paar Wortfetzen verstehe.

Gleich an den ersten Zwei Tagen bricht noch mal mitten am Tag ein heftiger Regen los. Er ist zum Glück nur kurz und wir können uns bei der kleinen Verpflegungsbude unter ein Minidach stellen und die Szenerie beobachten. Wir haben schon angefangen mit Stroh zu arbeiten und bemerken, dass sich nass etwas anders verarbeitet. Vielleicht ist es ja sogar richtig gut.

Mittlerweile haben wir nämlich an unser Holzskelett Maschendrahtzaun angebracht. Zwischen zwei Layer des flexiblen Materials stopfen wir jetzt das goldene Stroh. Ich arbeite mit einem langärmeligen Hemd, meine Kollegin zerschrammt sich hingegen die Haut an den Unterarmen.

Verdiente Pause : Eine Wanderung in den Bergen um Valloire

Wir kommen gut voran und bemerken, dass wir im Vergleich zu vielen anderen Teams eine recht übersichtliche, kleine Skulptur haben. Wir brauchen uns nicht stressen. Deshalb können wir ausführlich ein Picknick am Col du Galibier genießen. Hierin sind alle Teams am Freitag eingeladen. Es ist zwar etwas windig und kühl, aber unsere Gastgeber haben uns mit Jacken und Mützen ausgestattet und mit dem hervorragenden Essen zwischen den schroffen Gipfeln fühlen wir uns super wohl. Ich entdecke viele zarte Pflanzen, die hier oben wachsen und frage mich, wie sie in der rauen Umgebung wohl überleben.

Zurück an die Arbeit mit den Strohskulpturen in Valloire

An diesem Nachmittag steht unsere Strohskulptur aufgerichtet, aber etwas schief auf dem Platz des GEhschehens. Zwischen all den anderen megagroßen Kunstwerken sieht sie etwas klein und einfach aus. Jedoch war es ganz und gar nicht simpel, sie zu kostruieren. Bis zu einem bestimmten Punkt war das Vorgehen nur klar und deshalb kommen wir schnell voran. Jetzt jedoch entscheiden wir ein Loch zu graben.

Aufgrund der Unebenheit des Geländes steht die Skulptur etwas schief, außerdem ist der untere Rahmen zu sehen und in der Entwurfszeichnung kommen die zwei gedrehten Wände direkt aus dem Boden. Wir nehmen den Schlagbohrer, mit dem eigentlich immer nur die Löcher für die Befestigungsstäbe in die Erde gebohrt werden. Wir jedoch lockern damit ein ganzes 2 Quadrameter Quadrat auf. Zusammen mit einer Spitzhacke befördern wir Erde daraus und bitten schließlich alle Künstlerfreunde darum, die Skulptur in diese Öffnung hinein zu schieben. Es gelingt. Wir schaufelnd den schwarzen Schotter wieder an Ort und Stelle. Der Kontrast zwischen gelb leuchtendem Stroh und dem schwarzen etwas feuchten Schotter sieht besonders gut aus. Wir sind froh, dass wir die schweißtreibende Arbeit gemacht haben. Sie gibt der Skulptur das gewisse Extra.

 

Es folgt wieder ein schöner Schlemmerabend in Les Chalets du Havre. Dieses Mal wird uns traditionelles Raclette serviert. Ein halbes riesen Rad an Savoie Käse kommt unter einen Grill und die geschmolzene Fläche wird jeweils abgeschabt und auf einen Teller gefegt. Dort befinden sich schon Wurstscheiben, Gemüse und vor allem Kartoffeln, dass sie mit geschmolzenem Käse bedeckt werden.

Preisverleihung und Endes Wettbewerbs rund um Strohskulpturen in Valloire

Am Samstagabend arbeiten alle Teams noch fleißig an ihren Skulpturen. Große Scheinwerfer bescheinen auch noch die Outdoorateliers als es gegen zehn Uhr dunkel ist. Wir haben etwas besonders für diesen Abend geplant. Das schwedische Team verteilt schwedische Shcokolade mit Himbeergeschmack an alle Teams. Christian, der künstlerische Leiter geht noch mit einer Flasche Likör herum. Es ist so wunderbar mit Händen und Füßen auf Englisch und Französisch die neuen Freunde an ihren Skulpturen zu besuchen.
Ich selber komme von meiner Schweißleidenschaft nicht los und biege und schweiße noch ein Herz für Jan, der am Sonntag Geburtstag hat. Natürlich kommen Stroh und Kaninchendraht auch dazu. So bekommt er gleich einen guten Eindruck von den Strohskulpturen in Valloire.

Am Sonntag haben wir noch einen halben Tag Zeit an den Kunstwerken aus dem vergänglichen Material zu arbeiten. Am Ende wird der Platz sauber gefegt und ein großer Traktor fährt die übrig gebliebenen Stroh- und Heuballen weg. Viele Besucher stromern umher und stimmen schon für den Publikumspreis ab.

Ab dem Mittagessen gibt es für uns Künstler nicht mehr viel zu tun. Einige fahren mit dem Skilift in Valloire auf den Berg, wir machen Pause und packen unsere Sachen. Noch viel wichtiger: Wir aktivieren alle online Freunde, damit sie für uns beim Online Award abstimmen. Denn auch im Internet kann für die beste Skulptur abgestimmt werden. Dafür gibt es nur ein sehr kleines Zeitfenster, deshalb sind wir, Tjåsa und ich beide dauernd damit beschäftigt, Whats App, Facebook und Co zu bedienen.

Die Preisverleihung findet um 17 Uhr auf dem Platz statt, wichtige Leute sprechen das zahlreich erschienen Publikum an, Bürgermeister, Jurymitglieder – wir verstehen nur die Hälfte, es ist auf Französisch. Schließlich werden alle Teams vorgestellt und müssen kurz auf die Bühne. Das ist sehr nett, so bekommt man von allen ein Bild.

Dann werden die zahlreichen Preise vergeben und als erstes wird der Internetpreis verliehen. Juhu, wir haben ihn gewonnen und die Mühe hat sich gelohnt.

Der erste Jury Preis ging an Escape vom tschechischen Team. Der Publikumspreis und der Kinderpreis geht nach Lettland für das Rondevouz.

Alle Künstler kehren zurück zur Unterkunft, wo draußen schon ein Musiker spielt und ein buntes Buffet auf uns wartet. Tjåsa und ich finden es fast etwas schade, dass wir entschieden haben, schon so früh zu fahren. Aber ich selber wollte früh wieder in Berlin sein und so müssen wir den letzten Zug hier in St. Michel Valloire nehmen.

Wir haben jedoch noch einen richtig schönen Abend mit unserem Icehotelfreund Luc in Lyon.

Von Symposien wie diesem, von den Strohskulpturen in Valloire und den Erinnerungen kann man noch eine ganze Weile zehren. Schöne Erinnerungen, Gespräche und inspirierende Kunstwerke.

 

 

 

 

Geertje schreibt und fotografiert auf Reisen gerne, um diese intensiven Momente des Lebens festzuhalten. Sie möchte diese wunderbare Welt auch ihren Kindern zeigen und reist deshalb am liebsten als Familie in den Norden. Schön ist es, wenn Bilder und Texte auch andere Familien zum Reisen inspirieren.

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